Welcher Beruf passt zu mir? Fünf Schritte, die wirklich weiterhelfen
Die Frage klingt nach einer Antwort in einem Wort. Tatsächlich ist sie ein Prozess mit mehreren Schritten, und die meisten Menschen bleiben beim ersten stehen. Hier ist der ganze Weg, so wie ihn auch die Berufsberatung geht.
1. Interessen vor Talenten
Viele starten bei der Frage «Was kann ich gut?». Das ist der falsche Anfang. Was du gut kannst, hängt stark davon ab, was du bisher geübt hast, und das war oft Zufall: Schulfächer, Hobbys der Eltern, der erste Nebenjob. Was dich interessiert, ist stabiler. Die Berufspsychologie nutzt dafür seit den 1970er-Jahren das RIASEC-Modell von John Holland. Es unterscheidet sechs Interessenfelder: praktisch-technisch, forschend, kreativ, sozial, unternehmerisch und organisierend.
Wie viel das bringt, ist gut untersucht. Eine Auswertung von 92 Studien zeigt: Wer in einem Beruf arbeitet, der zu seinen Interessen passt, leistet dort messbar mehr als jemand ohne diese Passung (Nye et al., 2017). Eine deutsche Langzeitstudie mit über 3000 Jugendlichen fand, dass die Interessen am Ende der Schulzeit noch zehn Jahre später Beschäftigung und Einkommen vorhersagten, und zwar über Intelligenz und Persönlichkeit hinaus (Stoll et al., 2017). Interessen sind ausserdem erstaunlich stabil: Ab Mitte zwanzig verändern sie sich kaum noch, in der Jugend sind sie noch etwas beweglicher (Low et al., 2005).
Der erste Schritt ist also: Finde heraus, welche zwei oder drei Felder dich am stärksten anziehen. Genau das misst unser Berufstest mit 48 Aussagen. Erwarte davon aber keinen fertigen Beruf. Interessentests treffen in etwa der Hälfte der Fälle das Feld, in dem jemand später tatsächlich landet (Hanna & Rounds, 2020). Das ist deutlich besser als Zufall, aber es ist ein Kompass, keine Karte. Die Karte zeichnest du in den nächsten Schritten.
2. Arbeitsweise klären
Zwei Menschen mit demselben Interessenprofil können in sehr unterschiedlichen Umfeldern aufblühen. Die eine braucht ein lebhaftes Team und wechselnde Aufgaben, der andere eine ruhige Werkstatt und lange Konzentrationsphasen. Das ist keine Frage der Interessen, sondern der Persönlichkeit.
Die fünf grossen Persönlichkeitsdimensionen, die Big Five, beschreiben das zuverlässig: Wie offen bist du für Neues, wie strukturiert arbeitest du, wie viel Kontakt brauchst du, wie kooperativ oder wie direkt bist du, wie gelassen bleibst du unter Druck. Es gibt keine guten oder schlechten Werte, aber jeder Pol passt zu anderen Umfeldern. Der Stärkentest ordnet dich ein und nennt die Umfelder, die dazu passen.
3. Aus Feldern werden Berufe
Ein Interessen-Code wie SIA oder RCE ist noch kein Beruf. Jetzt beginnt die Recherche, und dafür gibt es in der Schweiz ein hervorragendes Werkzeug: berufsberatung.ch, das offizielle Portal der kantonalen Berufsberatungen. Dort findest du zu jedem Beruf Aufgaben, Anforderungen, Ausbildungswege, Lohnangaben und Weiterbildungsmöglichkeiten.
Ein praktisches Vorgehen: Nimm die Berufsliste aus deinem Testergebnis und lies zu fünf Berufen das vollständige Profil. Achte dabei nicht nur auf die Aufgaben, sondern auf den Arbeitsalltag: Wo arbeitest du, mit wem, in welchem Takt? Streiche, was dich abschreckt, und markiere, was dich neugierig macht.
4. Mit Menschen sprechen, die den Beruf ausüben
Kein Text ersetzt ein Gespräch mit jemandem, der den Beruf jeden Tag macht. Suche über dein Umfeld, über LinkedIn oder über Berufsverbände je eine Person pro Beruf und bitte um 20 Minuten. Die meisten sagen Ja, weil sie gern über ihre Arbeit sprechen. Gute Fragen sind: Wie sieht ein normaler Dienstag aus? Was hättest du vor der Ausbildung gern gewusst? Was macht den Unterschied zwischen Leuten, die bleiben, und solchen, die gehen?
Wenn du noch in der Schule bist, ist die Schnupperlehre dieses Gespräch in lang. Ein bis fünf Tage im Betrieb sagen mehr als jeder Test. Die Berufsinformationszentren (BIZ) der Kantone helfen bei der Suche nach Schnupperstellen.
Dass gerade diese Kombination wirkt, ist belegt. Die grösste Auswertung von Berufswahl-Programmen fand sechs Zutaten, die den Unterschied machen: schriftliche Übungen, individuelle Rückmeldung, Informationen über die Arbeitswelt, Unterstützung durch eine Beratungsperson, Klärung der eigenen Werte und Wissen darüber, wie Berufswahl funktioniert. Programme mit drei oder mehr dieser Zutaten wirkten deutlich besser als solche mit einer einzigen (Whiston et al., 2017). Ein Test allein ist eine Zutat. Recherche, Gespräche und Schnuppern sind die anderen.
5. Entscheiden, mit Datum
Berufswahl kann endlos dauern, wenn man auf Sicherheit wartet. Die gibt es nicht. Was es gibt, ist eine gut begründete Entscheidung mit der Möglichkeit, später nachzujustieren. Das Schweizer Bildungssystem ist dafür gebaut: Nach der Lehre stehen Berufsmaturität, höhere Fachschule und Fachhochschule offen, Quereinstiege sind in vielen Branchen üblich.
Setze dir ein Datum, bis zu dem du dich entscheidest. Wer kein Datum hat, bleibt beim Nachdenken. Und wenn du bis dahin zwischen zwei Berufen schwankst: Nimm den, bei dem du dir den Alltag besser vorstellen kannst, nicht den mit dem besseren Ruf.
Wo du in der Schweiz Hilfe findest
- Kantonale Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BIZ): kostenlose oder günstige persönliche Beratung in jedem Kanton, für Jugendliche und Erwachsene.
- berufsberatung.ch: Berufsprofile, Lehrstellensuche (LENA), Weiterbildungsdatenbank.
- viamia: kostenlose Standortbestimmung für Berufstätige ab 40 Jahren, angeboten von den Kantonen.
Die genannten Studien sind auf der Seite Wissenschaftliche Grundlagen vollständig aufgeführt.
Finde heraus, in welche Richtung deine Interessen zeigen
Der kostenlose Berufstest braucht etwa zehn Minuten und zeigt dir deinen Interessen-Code mit passenden Berufsfeldern. Ohne Anmeldung, Ergebnis sofort.
Berufstest starten